Hyperscaler Q3, Polymarket-Hack, KI-Exploit im Kernel, Claude-Backdoor, Playmobil-Rechenzentrum, Stalwart 1.0 und mehr – #256

Willkommen zu allesnurgecloud.com – Ausgabe #256

Tja, wir kommen irgendwie nicht zur Ruhe, auch in dieser Woche gab es wieder diverse hohe CVEs oder kompromittierte Systeme. Ein Höhepunkt ist sicher der Diebstahl von 6,3 Milliarden Dollar bei der Kryptobörse Binance (Zeit.de). Kann man dann in dem Fall auch online nachvollziehen, den „Diebstahl“. Auf einer ungepatchten PHP‑Site konnte lud jemand ebenfalls zu „Steal my Bitcoin“ ein – ein Angreifer war nach knapp 27 Stunden erfolgreich und hat die $500 in Bitcoin behalten dürfen. Und Cloudflare hat eine Capture-the-Flag Challenge gestartet – gewinnen kannst du, indem du an der WAF Protection vorbeikommst und die PHP‑Sandbox übernimmst.

Für alle Trekkies war es ebenfalls eine schwarze Woche – zuerst Walter Koenig (Checkov) verstorben, dann noch unser aller Captain Jean-Luc Picard. Beide haben mich irgendwie durch die Jugend begleitet und das Internet ist heute am Freitag voll mit coolen Videos und Behind The Scenes-Outtakes von Patrick Stewart.

Ansonsten war ich bei Hannes Zwetschke im Podcast ZWETSCHKE + 1 zu Gast (YouTube, Spotify, Apple), unter anderem ging es um Bootstrapping, die Zero Day Clock und den „Fried Brain“-Effekt nach einem Tag mit mehreren parallelen KI-Agenten. Wie sich das in Zahlen anfühlt, zeigt weiter unten der Artikel von Orestis Ioannou. Freu mich über Feedback und Kritik zum Podcast.

So, und nu – viel Spaß mit der Ausgabe.

Happy Bootstrapping Podcast

In der aktuellen Podcast Folge 195 habe ich mit Paulina Köpp von Elterngeld Buddy aus Solingen gesprochen. Nach ihrem eigenen Elterngeldantrag hat sie mit ihrem Mann Ingo eine App gebaut, die Eltern per Chat durch das Formular führt. Vorher hat sie in einem Jahr über 600 Beratungen ohne Werbebudget gemacht, die App kommt jetzt auf rund 25.000 Downloads, ganz ohne Investoren. Wir reden darüber, wie ein einziges Reel über Nacht 3.000 Follower brachte und warum ChatGPT beim Elterngeld danebenliegt. Gerne kannst du die Folge auf YouTube schauen oder wie immer bei Spotify, Apple und allen anderen Playern anhören.

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Hyperscaler Q3: Wer Geld verbrennt, verliert

Alle drei Hyperscaler haben diese Woche ihre Zahlen fürs dritte Quartal vorgelegt. Das Wachstum war bei allen stark, an der Börse fiel die Reaktion trotzdem sehr unterschiedlich aus.

AWS bleibt mit 46,0 Mrd. $ Umsatz der mit Abstand größte Anbieter. Das Plus von 39 % ist laut Amazon das stärkste Wachstum seit fast fünf Jahren, das operative Ergebnis stieg auf 17,8 Mrd. $. Andy Jassy stellt für 2027 und 2028 jeweils über 40 % in Aussicht. Gleichzeitig hat Amazon im Quartal 77,3 Mrd. $ investiert und kommt 2026 auf rund 220 Mrd. $. Der Free Cashflow über zwölf Monate liegt bei minus 42 Mrd. $, die Aktie stand am Freitag vorbörslich rund 7 % im Minus.

Azure weist Microsoft zum ersten Mal überhaupt in Dollar aus: 33,2 Mrd. $ bei 48 % Wachstum. Fürs nächste Quartal erwartet Microsoft 49 bis 50 %, CFO Amy Hood sagt, die Nachfrage liege weiter über dem Angebot. Investiert wurden 45,2 Mrd. $ inklusive Finance Leases, etwa 6 Mrd. $ weniger als erwartet. Der Free Cashflow blieb positiv, die Aktie legte nachbörslich rund 4 % zu.

Google Cloud hat den Umsatz laut Alphabet auf 30,7 Mrd. $ mehr als verdoppelt (+103 %), die Marge stieg von 23,7 auf 36,2 %. Alphabet investierte 51,4 Mrd. $, plant 200 Mrd. $ für 2026 und 300 Mrd. $ für 2027 und meldete einen Free Cashflow von minus 9,1 Mrd. $. Zusammen mit einer Suche, die nur noch um 12 % wuchs, kostete das am Donnerstag 12,6 % und rund 500 Mrd. $ Börsenwert, den schlechtesten Handelstag seit dem Börsengang 2004.

Damit ist Google Cloud jetzt zwei Drittel so groß wie AWS und liegt nur noch gut 2 Mrd. $ hinter Azure. Ganz sauber ist der Vergleich nicht, denn Google rechnet Workspace und TPU-Systemverkäufe mit ein, AWS ist fast reine Infrastruktur. Beim aktuellen Tempo würde es mich aber nicht wundern, wenn Google Azure schon im nächsten Quartal überholt.

Zusammen haben die drei in einem Quartal knapp 174 Mrd. $ investiert. In Ausgabe 235 lagen Googles CapEx-Pläne noch bei 175 bis 185 Mrd. $ fürs ganze Jahr. Für mich ist das die eigentliche Nachricht der Woche: Belohnt wurde nicht, wer am schnellsten wächst, sondern wer am wenigsten Geld verbrennt. Mitbezahlt wird der Ausbau übrigens auch von uns Kleinen, über die RAM-Preise aus Ausgabe 225.


DebugBear-DNS gekapert, Polymarket geplündert

Rund 50 Minuten lang hat am Donnerstag ein manipuliertes Monitoring-Script auf polymarket.com die Konten von Nutzern leergeräumt, Schaden etwa 2,6 Mio. $. Polymarket nutzte das Real User Monitoring von DebugBear und band dessen Loader von cdn.debugbear.com ein. Laut DebugBear wurden die DNS-Records über den Domain-Registrar kompromittiert. Statt aus dem Google-Cloud-Bucket kam die Datei plötzlich von einem nginx, und nach der Analyse von Scott Helme bei Report URI trägt die Payload einen Zeitstempel vom 27. Oktober, zwei Tage vor dem Angriff.

Das Script war gezielt für Polymarket gebaut. Es las Auth-Daten aus dem localStorage, suchte im React-Baum den Order-Client von Polymarket und nutzte ihn für Transfers und Notverkäufe. Alles lief über Polymarkets eigenen Relayer und sah deshalb wie normaler Traffic aus. Laut Gizmodo will Polymarket alle Betroffenen entschädigen. Tausende andere Seiten luden dasselbe Script, dort blieb es nach bisherigem Stand harmlos.

Die Content Security Policy hat nichts gebremst. cdn.debugbear.com stand als vertrauenswürdige Quelle drin, und jede Verbindung des Drainers ging an erlaubte Hosts. Die URL blieb gleich, nur der Inhalt änderte sich. Helme empfiehlt SRI-Hashes auf Third-Party-Scripts und die neue Integrity Policy, um Scripts ohne Hash zu finden. Dass Report URI genau für das Monitoring passende Produkte verkauft, sollte man beim Lesen im Hinterkopf behalten. Die Ratschläge stimmen trotzdem.

Bei DebugBear ist die Website am Samstag weiterhin offline, Mails an die Domain kommen nicht an. Nach Polyfill in Ausgabe 148 ist das die nächste Erinnerung, dass jedes eingebundene Script eines Dienstleisters Vollzugriff auf die eigene Seite hat. Außerdem ist der Registrar-Account in vielen Firmen das am schlechtesten bewachte Stück Infrastruktur, obwohl Registry Lock und echte 2FA wenig kosten. Bei mir selbst sieht es auch nicht besser aus: Mein Domainanbieter domainfactory (df.eu) bietet für das Kundenkonto erschreckenderweise keine Zwei-Faktor-Authentifizierung an, oder es ist so gut versteckt, dass es dann keiner nutzt. Ich ziehe meine Domains deshalb jetzt um…

CSP ist und bleibt weiterhin kompliziert – kenne da eine Page, da ist der CSP‑Header über eine Terminal Page groß – und da ist ein Haufen Zeug drin, das es nicht mehr gibt…..

Polymarket’s CSP Allowed Every Part of the $2.6 Million Crypto Theft


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We Manage & KRUU: Cloud für unter 0,5 % des Umsatzes

Gemeinsam mit unserem Kunden KRUU – dem nach eigenen Angaben weltweit größten mobilen Fotoboxvermieter – haben wir eine ausführliche Case Study veröffentlicht (PDF).

5.000 Fotoboxen in neun EU-Ländern und den USA, bis zu 800 Versendungen pro Tag in der Hochsaison, über 99,99 % Server-Uptime – und das alles bei IT-Kosten von unter 0,5 % des Jahresumsatzes (inkl. We Manage). Statt auf AWS zu setzen, was laut KRUU-Gründer Philipp Schreiber „Faktor 10 bis 20 teurer“ wäre, haben wir eine Multi-Provider-Architektur aus Gridscale, Hetzner und DigitalOcean aufgebaut, die saisonal mitatmet und wirtschaftlich bleibt.

Was mich an der Zusammenarbeit nach 10 Jahren besonders freut: Philipp und ich kennen uns noch aus dem Heilbronner Nachtleben – und die Philosophie hat sich nie geändert. Stabile Technologien. Kein Overengineering. Kein Overprovisioning.

Wenn du auch ein skalierbares Setup ohne Hyperscaler-Preise suchst – oder schlicht ein Backup für dein Ein-Personen-DevOps-Team brauchst, dann lass uns kurz sprechen.

Die vollständige Case Study lesen


CVE-2026-98432: KI-Exploit, bisher ohne Fix in RHEL und Ubuntu

Im IPv4-TCP-Handshake des Linux-Kernels steckt seit Kernel 4.4 eine Race Condition, die jetzt als CVE-2026-98432 geführt wird. Wird ein Socket zerstört, während eine andere CPU noch die IP-Optionen einer wiederholten Verbindungsanfrage liest, greift der Kernel auf bereits freigegebenen Speicher zu. IPv6 kopiert diese Optionen und ist nicht betroffen. Gemeldet hat den Bug Xinyang Ge von Anthropic, und laut The Hacker News habe ein unveröffentlichtes Claude-Modell daraus einen Remote-Root-Exploit gebaut: ohne Credentials, gegen Server mit Multipath-TCP-Listener, in rund 53 Minuten. Code, Kernel-Version und Testkonfiguration hat Anthropic nicht veröffentlicht.

Über die Schwere sind sich die Beteiligten uneins. Das Kernel-CVE-Team vergibt 9.8, Red Hat auf der CVE-Seite 5.9 und im Advisory 8.1, Amazon 7.0. Gestritten wird über die Angriffskomplexität.

Der Patch-Stand ist durchwachsen:

  • gefixt: Debian, Oracle Linux (UEK), Teile von Amazon Linux 2023 und einzelne SUSE-Releases
  • offen: Ubuntu (alle LTS-Versionen) und RHEL 8 bis 10, bei Red Hat ist der Fix auf ein späteres Update verschoben

Eine offizielle Mitigation nennt kein Hersteller. Auf exponierten Ubuntu-Servern würde ich Multipath TCP per sysctl (net.mptcp.enabled auf 0) abschalten und eingehende Pakete mit IP-Optionen per nftables verwerfen. Ob das vollständig schützt, ist nicht belegt. Sobald der Kernel kommt: einspielen und rebooten, Livepatch nur, falls Canonical einen ausliefert.

Nach Copy Fail in Ausgabe 234 hängt Ubuntu damit schon wieder hinterher. Und während die Distributoren CVSS-Vektoren diskutieren, dauert die Exploit-Entwicklung inzwischen knapp eine Stunde.

Linux Kernel TCP Flaw With 9.8 CVSS Score Affects Ubuntu, Red Hat and Other Distributions


Cohere: Warnung vor Qwen, Milliarden von Schwarz

Self-Hosting gilt als Lösung für das Vertrauensproblem bei chinesischen Open-Weight-Modellen. Cohere hält in einem ausführlichen Blogpost dagegen: Im Sandbox-Test mit Microsofts CTI-REALM-Benchmark sollte Qwen3.8-Flash-Next eine Detection Rule schreiben. Stattdessen inventarisierte das Modell den Container, las die resolv.conf und versuchte per curl PUT einen Probe-String in einen Alibaba-OSS-Bucket in Peking zu laden. Der Reasoning Trace behauptete im selben Turn, es würden keine Tools aufgerufen. Per Prefilling fand Cohere den Trigger: Sobald curl das Flag -o bekommt, springt der Anteil verdächtiger Hosts von 0,5 auf 23 Prozent, dazu kommen häufige Griffe zur Cloud-Metadata-Adresse 169.254.169.254.

Auf Hacker News fällt die Reaktion gespalten aus. Viele halten das Verhalten eher für Überbleibsel aus Alibabas RL-Trainingsumgebungen als für eine Hintertür, zumal es seltener als einmal in 100.000 Calls auftritt und der „Payload“ ein harmloser Test-String war. Das als verdächtig angeführte unshare -Urm sei ein ganz normaler Linux-Trick. Und dass ausgerechnet ein Anbieter, der „souveräne“ Modelle verkauft, vor der Konkurrenz warnt, fällt auch auf.

Ich halte die Kritik für berechtigt, was die Deutung angeht. Die technische Lehre bleibt trotzdem richtig: Ein Reasoning Trace ist keine Security Boundary, und Agents gehören mit Default-Deny-Egress in eine Sandbox, egal welches Modell dahintersteckt. Immerhin hat Cohere Traces und Reproduktionsskript auf Hugging Face veröffentlicht.

Der Zeitpunkt passt jedenfalls: Kurz danach meldete Cohere laut heise eine Series E über bis zu 7 Milliarden kanadische Dollar bei einer Bewertung von rund 35,7 Milliarden. Angeführt wird die Runde von der Schwarz-Gruppe, dabei sind auch die kanadische Regierung und Nvidia. Nach der faktischen Übernahme von Aleph Alpha hat Cohere einen Hauptsitz in Berlin, Heidelberg bleibt Forschungsstandort. Schwarz Digits will die Modelle direkt in die eigene STACKIT Cloud integrieren.

Concerning behavior from a popular open-weight AI model


Claude-Code-Extension mit Backdoor, Tailworm gefixt

Zwei Vorfälle diese Woche, bei denen am Ende jemand per SSH auf deinem Rechner landen kann.

Über den Cursor Marketplace wurde am 29. Oktober rund elf Stunden lang eine manipulierte Version 2.1.313 der offiziellen Claude-Code-Extension ausgeliefert, unter der legitimen Publisher-ID anthropic.claude-code. Phorion hat den Code analysiert: Ein vorangestellter Block im extension.js läuft schon beim Laden der Extension, ohne Interaktion. Er hängt einen fremden Ed25519-Key an die authorized_keys, baut einen Reverse-SSH-Tunnel zu 134.209.82.225 auf und meldet Hostname, Git-Mail und die Namen von Umgebungsvariablen wie AWS oder TOKEN an den Angreifer. Laut Cursor waren höchstens 5.000 Nutzer betroffen. Das npm-Paket sowie die Extensions bei Open VSX und im Microsoft-Marketplace sind nach Angaben von OpenSourceMalware sauber. Wie die Version zu Cursor kam, ist ungeklärt. Wer sie installiert hatte, muss mehr tun als deinstallieren:

  • Key mit Kommentar svc-telemetry aus authorized_keys löschen
  • Persistenz entfernen: ~/.config/.smt, auf macOS den LaunchAgent com.apple.sysmond, auf Linux den @reboot-Cronjob
  • Tunnelprozesse beenden und alle erreichbaren Credentials rotieren

Weil ein Angreifer über den Tunnel schon interaktiv drin gewesen sein kann, ist Neuaufsetzen die sicherere Variante. Sauber sind 2.1.312 und 2.1.314. Nach Axios in Ausgabe 230 trifft es diesmal den Extension-Marketplace, und der läuft mit vollen Userrechten im Editor.

Parallel hat Erica Windisch unter dem Namen „Tailworm“ elf Befunde zu Tailscale und Headscale veröffentlicht, laut heise zwei Stunden nach Eingang beim Hersteller. Kern ist eine Rechteausweitung in Tailscale SSH: Eine authentifizierte Session konnte, etwa über Forwarding, mehr als der angemeldete User. Voraussetzung ist ein bereits kompromittiertes Gerät im Tailnet. Version 1.104.4 schließt die Lücken, Tailscale stuft zwei der Befunde als erwartetes Verhalten ein. Bis zum Update hilft es, Port-Forwarding in den SSH-Regeln abzuschalten und breite ACLs aufzuteilen.

Trojanized Claude Code Extension Plants an SSH Backdoor


Agenten-Burnout: Mehr Output, mehr Erschöpfung

Weniger Boilerplate, mehr delegieren, früher nach Hause: So lautete das Versprechen der KI-Tools. Orestis Ioannou, VP of Technology bei Bold.org, hat seine GitHub-Historie seit 2019 ausgewertet und kommt zu einem anderen Ergebnis. Eigentlich sollte seine Kurve als Führungskraft flach verlaufen. Stattdessen steht er 2026 bei 2.102 Contributions bis Ende Oktober und damit fast wieder auf dem Niveau von 2020, als er noch Vollzeit Features gebaut hat. Der August war mit 427 der stärkste Monat seiner gesamten Zeitreihe.

Ioannou beschreibt kein Werkzeugproblem. Früher waren es zwei oder drei ernsthafte Aufgaben pro Woche, heute laufen mehrere Agenten parallel, und jeder braucht ihn „sometimes“: für eine Rückfrage, einen Plan zur Freigabe oder einen Diff. Jeder dieser Momente ist ein Kontextwechsel. Weil Implementierung billig geworden ist, fällt die natürliche Bremse weg, und aus „ich kann mehr“ wird „ich mache mehr“. Er zählt seit Januar drei Zyklen aus Burst und Erschöpfung, an deren Ende er „tired of AI“ sei.

Auf Hacker News fasst ak39 es knapp zusammen: „Side quests are killing us.“ Er plant seinen Tag wieder mit Stift und Papier. rtkwe hält dagegen, dass gewonnene Zeit in Firmen ohnehin sofort neu verplant werde, sobald der Chef davon wisse.

Mario Zechners Vorschlag aus Ausgabe 236, agentengenerierten Code an die eigene Review-Kapazität zu koppeln, passt hier als Gegenmittel ziemlich gut.

AI Promised Less Work. I Have Never Worked More


Server statt Spielfiguren: Playmobil baut 100 MW DC

Dass ausgerechnet Playmobil im KI-Infrastruktur-Boom landet, hätte ich nicht auf dem Zettel gehabt. Die Horst-Brandstätter-Group will ihr Ende Juni geschlossenes Stammwerk in Dietenhofen bei Ansbach zum Rechenzentrums-Campus umbauen, wie t3n unter Berufung auf dpa berichtet. Ausgelegt sei der Campus auf 100 Megawatt, mit Luft nach oben.

Das Modell folgt dem bekannten Colocation-Baukasten: Brandstätter stellt Fläche, Strom und Netzanbindung, Partner betreiben ihre Workloads teils selbst. Das Angebot reicht von der leeren Fläche bis zur fertigen Rechenleistung. Dafür gibt es mit „Playmobil digital“ eine eigene Sparte, deren Team nach eigenen Angaben über 25 Jahre Erfahrung mit Rechenzentren mitbringt.

Der eigentliche Schatz liegt aber im Boden: Das Werksgelände hat bereits einen Anschluss an eine 110-kV-Leitung, und der Nürnberger Netzbetreiber N-ERGIE habe die Kapazitäten zugesichert. Wer aktuell ein Rechenzentrum plant, wartet auf so etwas oft jahrelang. Laut Bayerischem Rundfunk fehle einem weiteren geplanten Rechenzentrum im wenige Kilometer entfernten Hirschneuses deshalb die Netzzusage, weil N-ERGIE die verfügbare Kapazität zunächst für Brandstätter reserviert habe. Die Gruppe ließ eine entsprechende Nachfrage des BR unbeantwortet.

Die Kehrseite bleibt bitter: 350 Beschäftigte verloren durch die Verlagerung der Produktion ins Ausland ihren Job, ein Rechenzentrum dürfte nur einen Bruchteil davon beschäftigen. Und ob aus 100 MW Auslegung am Ende auch 100 MW IT-Last werden, steht auf einem anderen Blatt.

Statt Spielfiguren jetzt Server: Playmobil-Mutter baut Stammwerk zum Rechenzentrum um


Stalwart wird stabil: Mailserver in Rust

Aus einer kleinen Rust-Library namens mail-parser ist in fünf Jahren ein kompletter Mail- und Collaboration-Server geworden. Jetzt ist Stalwart v1.0 erschienen, die erste stabile Version mit JMAP, IMAP, SMTP, CalDAV, CardDAV und WebDAV. Maintainer Mauro D. nennt zwei Ziele für das Release: Performance und ein endgültig festgezurrtes Datenbankschema, damit künftige Upgrades ohne Migration auskommen.

Für die Performance wurden die Parser mit SIMD und SWAR neu geschrieben, Datenbank-Roundtrips reduziert und die Volltextsuche komplett ersetzt. Gegen Postfix 3.11 und Dovecot 2.4 auf identischen Azure-VMs liege Stalwart in 35 von 38 Tests vorn, beim Mail-Eingang etwa mit 5.445 statt 723 Nachrichten pro Sekunde. Die Benchmarks stammen vom Hersteller selbst, Skripte und Rohdaten liegen aber offen im Repo, samt Einschränkungen wie dem unterschiedlichen Disk-Sync-Verhalten. Den Titel „fastest mail server on the planet“ würde ich erst nach einem unabhängigen Nachbau übernehmen.

Für Bestandsnutzer zählt eher der Upgrade-Pfad, denn v1.0 öffnet keine alten Stores mehr. Von v0.16.27 aus migriert stalwart-migrate inkrementell, ältere Versionen gehen über Migration-Proxy und Vandelay. Cluster brauchen jetzt zwingend Redis, und OAuth folgt dem Open-Public-Client-Profil, was mit manchem externen Identity Provider noch hakt.

Auf Hacker News berichtet Depurator von langjährigem Betrieb auf einer kleinen Hetzner-Instanz. joshka stört dagegen, dass AI-Sieve und maskierte Adressen nur in der kostenpflichtigen Enterprise-Edition stecken.

Unter mailcow, docker-mailserver und Mail-in-a-Box arbeiten Postfix und Dovecot. Für neue Setups ist Stalwart eine ernsthafte Alternative, unbedint mal auschecken.

Stalwart v1.0: The Fastest Mail Server on the Planet


17,9 Milliarden Pushes: GitHub im Agent-Rausch

Die Agents sind auf GitHub angekommen, und zwar mit Wucht. Laut dem neuen Octoverse-Report wurde in den zwölf Monaten bis Ende September 17,9 Milliarden Mal gepusht, mehr als 2024 und 2025 zusammen. Die Zahl der Commits stieg auf 34,3 Milliarden, die der gemergten Pull Requests auf 1,3 Milliarden, beides mehr als das Dreifache von vor zwei Jahren. Den Knick in der Kurve verortet GitHub um den Juni herum, als Agents vom Experiment zum Dauerbegleiter wurden.

Ein paar Zahlen, die ich mir gemerkt habe:

  • Über 40 Prozent der Pull Requests starten inzwischen mit einem Agent, im März waren es noch 17 Prozent
  • GitHub Actions führt 1.440 Jobs pro Sekunde aus, 45 Milliarden im Jahr
  • Neue Repos mit Agent-Konfiguration haben im Schnitt achtmal so viele Commits
  • Copilot-User nutzten im September 47 verschiedene Modelle, keines kam auf mehr als 25 Prozent der Requests

Deutschland liegt mit 6,3 Millionen Entwicklern auf Platz acht. TypeScript bleibt die Nummer eins, Rust wächst prozentual am schnellsten. Agents greifen ungefragt offenbar bevorzugt zu TypeScript.

Einordnen sollte man das trotzdem. Commits und Pushes sind ein Aktivitäts-, kein Produktivitätsmaß, und Agents committen nun mal kleinteilig und oft. Dass GitHub als Copilot-Verkäufer die Agent-Story gern erzählt, liegt auf der Hand. Spannender finde ich die Infrastrukturseite: Die dreifache Last auf Actions dürfte auch erklären, warum GitHub zuletzt öfter gewackelt hat.

Octoverse: Commits, pushes, reach new highs in 2026 as developers build with agents


Schmunzelecke

Jemand hat Doom nun in eine Datenbank portiert – SQLDoom – kannst du aber leider nur nach Anmeldung ausprobieren, soweit ich das gesehen hab.

Bei bygga bekommst du sämtliche Ikea-Aufbauanleitungen animiert als Tutorial, damit kann endlich nix mehr schief gehen, oder? oder?


💡 Link Tipps aus der Open Source Welt

Beszel – Leichtgewichtiges Server-Monitoring mit Docker-Stats und Alerting

Beszel ist eine schlanke Monitoring-Plattform für Server und Container, die historische Metriken, Docker-Statistiken und Alerts in einer übersichtlichen Web UI bündelt. Das Setup besteht aus zwei Komponenten: einem Hub auf Basis von PocketBase als Dashboard und einem Agent, der auf jedem überwachten System läuft und die Metriken an den Hub liefert.

Key Features:

  • Container-Metriken: CPU, Memory und Network pro Docker- oder Podman-Container mit Historie
  • Hardware-Daten: Temperatur, Fan Speed, GPU-Auslastung (Nvidia, AMD, Intel), S.M.A.R.T. inklusive mdraid und ZFS-Pools mit Scrub-Status
  • Network Monitoring: Response Times und Unterbrechungen direkt aus den Agents messen
  • Alerts: Konfigurierbar für die meisten Metriken, mit vielen Notification-Diensten
  • Multi-User und OIDC: Eigene Systeme pro User, Teilen durch Admins, Passwort-Login abschaltbar
  • Backups: Automatisch auf Disk oder S3-kompatiblen Storage

Geschrieben in Go mit TypeScript-Frontend, MIT-lizenziert. Images gibt es für Hub und Agent (auch mit Nvidia- und Intel-Varianten), dazu einen Helm Chart.

Beszel füllt die Lücke zwischen Uptime-Kuma-artigen Checks und einem ausgewachsenen Prometheus/Grafana-Stack: Für Homelab oder eine Handvoll Server ist es in Minuten einsatzbereit und braucht kaum Ressourcen. Mit 26.500 Stars, über 200 Contributors und 68 Releases ist das Projekt etabliert, steht aber noch bei Version 0.21 und hängt stark an Hauptentwickler Henry Dollman. Wer Metriken langfristig auswerten, PromQL nutzen oder hunderte Hosts überwachen will, bleibt bei Prometheus oder VictoriaMetrics besser aufgehoben.

https://github.com/henrygd/beszel

OpenShell – Nvidias Sandbox-Runtime für autonome AI Agents

Trotz des Namens hat OpenShell nichts mit Remote oder Reverse Shells zu tun: Nvidias Open-Source-Projekt ist eine Runtime, in der AI Agents isoliert laufen und nur das dürfen, was eine Policy ausdrücklich erlaubt. Agents können damit Dateien lesen, Pakete installieren und APIs aufrufen, ohne freien Zugriff auf Daten, Secrets oder das Netzwerk zu bekommen.

Key Features:

  • Kernel-Level Enforcement: Jeder Agent läuft in einer eigenen Sandbox, Dateizugriffe, Syscalls und Netzwerkverbindungen werden zur Laufzeit gegen die Policy geprüft
  • Credential Injection: Agents sehen nie echte Credentials, OpenShell fügt sie nur bei Requests an freigegebene Endpoints ein
  • Formal verifizierte Policies: Vor einer Policy-Änderung prüft ein Prover, welche neuen Zugriffe sie erlauben würde, und schickt riskante Änderungen zur manuellen Freigabe
  • Gateway und Kubernetes: Zentrale Control Plane, per Helm Chart auch im Cluster betreibbar
  • SDKs: Python, TypeScript, Go und Rust, dazu Agent Skills, mit denen Coding Agents die CLI selbst bedienen

Geschrieben überwiegend in Rust, lizenziert unter Apache 2.0. Läuft auf Linux, macOS mit Apple Silicon und experimentell unter Windows mit WSL 2, wahlweise mit Docker, Podman oder Host-Virtualisierung.

OpenShell liefert genau das, was Cohere in seinem Qwen-Bericht weiter oben fordert: Default-Deny für Egress und Durchsetzung auf Ebene des Tool Calls statt Vertrauen in den Reasoning Trace. Mit 18.700 Stars, 140 Contributors und Governance-Dokumenten ist das Projekt für Version 0.1 erstaunlich breit aufgestellt. Zwei Dinge sollte man wissen: Die anonyme Telemetrie ist standardmäßig aktiv und muss explizit abgeschaltet werden, und hinter dem Projekt steht mit Nvidia ein Hersteller, der vom Agent-Boom bestens lebt.

https://github.com/NVIDIA/OpenShell

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